Teamgeist statt Ego: Lektionen aus dem Jugendfußball

Gemeinsam Werte Fußball Entwicklung
Liebe Kickers Familie,

wie jeder Sport soll auch der Fußball Werte vermitteln. Werte, die für den Zusammenhalt und das Zusammenleben in einer Gesellschaft notwendig sind, können spielerisch gelernt werden. Hinsichtlich Gemeinschaft und Resilienz konnten wir in den letzten Jahren viele Erfahrungen sammeln und möchten diese hier weitergeben.

Motive unseres ersten Teams

Mit unserer ersten Kickers Mannschaft, einem 2011er Team vom SV Riedmoos, wagten wir den Beginn ins Mannschaftstraining. Es war der Wunsch der Eltern, da sie befürchteten, dass das U9 Team sonst keine Zukunft hätte. Das Team bestand aus Fußball begeisterten Jungs, die sich verbessern wollten. Neben dem Wunsch ein leistungsorientiertes Team zu werden, war die große Bitte, dass wir das Zusammenspiel untereinander, welches sowohl unter den Eltern wie auch unter den Spielern sehr gut harmonierte, in der Art beibehalten. Da dies genau unserer Idee der Mannschaftsführung entsprach, passten wir über Jahre super zusammen. 

Das Team löste sich ab der U13 auf. Die Jungs verstreuten sich auf verschiedene Teams der Bezirks-Oberliga (BOL) in und um München. In den Jahren danach sprach ich immer wieder mit Eltern und Spielern aus dem damaligen Team. Alle Seiten dachten wehmütig an die schöne gemeinsame Zeit zurück. Ein derartig zusammengeschweißtes Team und einen solchen Zusammenhalt wie damals konnten sie nirgendwo mehr finden. In allen Gesprächen war jedes Mal dieser eine Punkt, nämlich die so gut funktionierende Gemeinschaft und das Teamgefühl, weitaus wichtiger als die spätere Spielklasse.   

Fußballromantiker und Werteentwicklung

Das brachte mich zum Nachdenken. Ich hatte nach mehr als zehn Jahren im Leistungs- und Breitensportfußball viele Kinder kommen und gehen sehen. Auch verfolgte ich, wohin meine Spieler wechselten und wie sie sich sportlich sowie persönlich entwickelten. Es wurde immer deutlicher, dass es eine bestimmte Art von Kindern und Eltern gab, bei der von der ersten Sekunde an klar war, ob sie Fußballromantiker waren oder immer das grünere Gras suchten. Die Fußballromantiker gefielen mir immer, denn auch sie legten großen Wert auf einen harmonischen Teamgeist und das langfristige Beisammensein, verbunden mit dem Wunsch gemeinsam möglichst erfolgreich zu spielen. Bei der anderen Sorte Mensch waren mehrere Wechsel binnen weniger Jahre sinnbildlich.  

Mein Ziel als Trainer war es immer und ist es bis heute, einen solchen Zusammenhalt und ein solch gemeinsames „Miteinanderwachsen“ zu fördern. Unsere Gesellschaft hat sich leider dahingehend entwickelt, dass stets ein bestmögliches Ergebnis und eine optimale Betreuung erwartet werden, ohne die eigene Leistung kritisch zu betrachten. Egal ob Sport oder Schule, es wird vielmehr danach gestrebt, wie das eigene Kind möglichst schnell dorthin gelangt, wo es vermeintlich besser ist. Die Gemeinschaft als solche, das berühmte „Wir-Gefühl“ spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das Zugehörigkeitsgefühl ist dem vermeintlich wichtigeren individuellen Nutzen gewichen.  

Ich frage mich dann oft: Warum spielt das Kind Fußball? Warum macht das Kind keinen Individualsport? Dort ist es ausschließlich für sich verantwortlich und muss für sich selbst einstehen. Dort braucht es nicht das warme und herzliche Gefühl eines Teams. Das Problem für das Kind ist allerdings, dass es sich nicht mehr mit seiner Leistung verstecken kann, sondern ausschließlich daran gemessen wird.  

Was für mich als Lehrer in diesem Zusammenhang viel schlimmer ist, sind die Werte, die wir den Kindern durch ein solches Verhalten mitgeben. Heranwachsende lernen immer das, was sie sehen und selbst erleben. Die große Aussage, die solche Eltern ihren Kindern vermitteln, lautet: DU bist wichtiger als das Team. Allein dir muss es gut gehen. Sollte das nicht der Fall sein, weil der Erfolg ausbleibt oder sich Konflikte ergeben, wird ein vermeintlich besserer Verein bzw. eine besseres Team gesucht. Dabei lernt das Kind nicht mit Konflikten umzugehen, diese gemeinschaftlich zu lösen und auch mal Niederlagen wegzustecken. Genauso wird dem Kind die Möglichkeit genommen, eigene Fehler zu machen und diese auszubügeln.

Das sind natürlich überspitzte Formulierungen, sollen aber die Bedeutung hervorheben.  Wie oft schimpfen wir über Fußballer im Profibereich, die sich nicht mit dem Verein identifizieren, sondern als Söldner arbeiten. Ist das Kind aus dieser Sicht nicht auch ein Söldner, nur ohne die Millionensummen und einem ganzen Leben vor sich? 

Sollte es nicht unser Ziel als Erwachsene sein, dass wir Kinder erziehen, die das Gute an einer Gemeinschaft schätzen? Kinder, die verstehen, wie ein soziales Gefüge funktioniert und welche Vorteile eine Gemeinschaft hat. Wenn es dir schlecht geht, stehen andere für dich ein und du stehst auch für diese ein. Genau das wollen wir in unseren Trainingsprogrammen und Teams umsetzen.   

Kinder sind in vielen Bereichen ein Spiegelbild der Eltern. Wenn wir wahre Teamplayer sind und den Zusammenhalt fördern, geben wir den Kindern grundlegende Werte mit, auch über den Spielfeldrand hinaus.

Euer Jonas

 

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